Skifahren im Zillertal: Ja, aber bitte mit Pistennähe!

Waldfriede - Pistennähe

Vor einigen Tagen war ich im Zillertal. Und wie ihr wisst: Skifahren ist für mich jetzt nicht unbedingt das Hauptthema, das mich Tag und Nacht beschäftigt. Aber ich muss sagen: Das alles hat schon was. Vor allem, wenn die Piste dabei direkt beim Hotel vorbeiführt. Das hat etwas Erhabenes. Etwas, das einem nah und zugleich fern ist. Das hat dann gleich eine ästhetische Dimension.

Ich habe ein, diplomatisch gesagt, ambivalentes Verhältnis zum Skifahren. Warum das so ist? Ich habe einfach mal die Vermutung, dass mir das Skifahren immer zu nahe war. Wer in Tirol oder in den Alpen generell aufwächst, der wird immer und überall mit diesem Thema belästigt. In der Stadt muss man sich davor fürchten, dass plötzlich die Skifahrer auftauchen und mit ihren Skiern den ganzen Bus oder gar die Straßenbahn blockieren.

Gesprächsthema ist dann plötzlich auch nicht mehr das Grillen, eine Tätigkeit mit der ich erheblich mehr anfangen kann, sondern der Erfolg der österreichischen Skifahrer. Kurzum: Im Winter wird Schnee, Piste und Skifahren zum Leitdiskurs, vor dem es absolut kein Entkommen gibt.

Die Hölle, das sind die Gespräche übers Skifahren und die Skifahrer selbst, die nichts neben diesem Thema gelten lassen. Versucht einfach mal mit einem solch fanatischen Skifahrer ins Gespräch zu kommen und ihm beizubringen, dass man selbst eigentlich nur mehr auf den Frühling wartet. Ihr werdet merken: Das Gespräch wird eher schon enden bevor es begonnen hat.

Ein Zen-Moment im Zillertal. Ja, das gibt´s

Eine gänzlich andere Situation habe ich neulich im Zillertal erlebt. Da war die Situation weit weniger angespannt. Vor Ort glaubte ich fast schon, dass es ein freundliches Nebeneinander oder gar ein freundschaftliches Miteinander geben könnte. Es war nicht mehr so, dass mir die Skifahrerinnen und Skifahrer meinen Platz wegnahmen. Sondern es war vielmehr so, dass wir einen Aspekt fanden, wie es funktionieren könnte. Es war so, als hätte ich mich mit dem Skifahren versöhnt. Es war einer dieser seltenen Zen-Momente, wo man mit der Welt im Einklang steht und wo selbst Dinge, zu denen ich mich ansonsten in klarer Opposition befand, plötzlich gut in mein Weltbild integrierbar waren.

Blick von der Terrasse im Hotel Waldfriede im Zillertal. Pistennähe Hilfsausdruck.
Blick von der Terrasse im Hotel Waldfriede im Zillertal. Pistennähe Hilfsausdruck.

Ich möchte euch die Situation kurz schildern, in der ich mich befand und die mein Weltbild ins Wanken brachte. Ich saß auf der Terrasse des besagten Hotels. Pistennähe Hilfsausdruck. Vielmehr muss gesagt werden, dass die Piste direkt am Hotel vorbeigeht. Das Wetter war traumhaft. Ich sah den Skifahrern dabei zu, wie sie ihrem geliebten Wintersport nachgingen. Ihre sportliche Aktivität wurde durch meine ostentativ zur Schau gestellte Passivität beantwortet. Und doch war es kein Einspruch. Kein zur Schau gestelltes Nicht-Einverstanden sein. Ich akzeptierte plötzlich, was sie taten. Und sie schienen mich zu akzeptieren.

Auch das versöhnt mit dem Winter: Dieser Blick auf Fügen im Zillertal.
Auch das versöhnt mit dem Winter: Dieser Blick auf Fügen im Zillertal.

Ich saß auf der Terrasse, die mir ein herrliches Panorama auf Fügen ermöglichte und trank genüsslich ein Zillertal  Bier. Ein Bier, das mir ohnehin schon manchmal zu gut schmeckte. Die vorbeifahrenden Skifahrer wurden mir plötzlich zur perfekten Kulisse.

Sie irritierten mich nicht mehr, sondern sie ergänzten mein Empfinden. Ganz so als wäre meine Passivität die Bedingung für ihre Aktivität und umgekehrt. Es war einer der seltenen Momente des absoluten In-Einklang-Seins. Mehr noch: Ihre Aktivität und ihre Sportlichkeit war keine Provokation mehr. Denn ich vermutete immer wieder, dass ich mich unterbewusst auch provoziert fühlte von der zur Schau gestellten Sportlichkeit.

In diesen Augenblicken im Zillertal war alles anders. Vergessen war meine Leidensgeschichte als Nicht-Skifahrender Tiroler. Vergessen die Leitdiskurse die mich immer wieder im Bus oder anderswo so nervten. Alles war still um mich. Ich atmete tief ein. Im Hintergrund das Geräusch von vorbeifahrenden Skifahrern, das mir plötzlich zur Musik wurde, zur Unterhaltung und Unterstreichung meiner Kontemplation.

Kurzum: Es war traumhaft. Und das alles nur, weil ich ein paar Stunden in einem Hotel mit Pistennähe verbringen durfte. Aber so war es ja schon immer: Einschneidende Erlebnisse lauern dort, wo man sie am allerwenigsten vermutet. War hatte geglaubt, dass ich im Zillertal meinen Frieden mit den Skifahrern machen würde? Und dass mir dort sogar einfiel, dass eine aus der Ruhe geborene Aktivität wunderbar sein könnte.

Wer weiß: Vielleicht zieht es mich in dieser Saison sogar noch ein letztes Mal auf die Skipiste? Und falls nicht die Skier, dann bliebe immer noch das wesentliche unverdächtigere und ideologisch weniger umkämpfte Schneeschuhwandern. Auch das soll in dieser Region hier im Zillertal ein immer größer werdendes Thema sein…

Skifahren im Zillertal: Ja, aber bitte mit Pistennähe!
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Von in Waldfriede