Kleine Handgriffe mit großer Wirkung

Mira strampelt fröhlich vor sich hin. Sie ist aufgeregt – gleich zeigt sie Babsi Kirschner, welche Fortschritte sie seit ihrem letzten Treffen gemacht hat. Mira ist sechs Monate alt, Babsi Kirschner ist Kinderphysiotherapeutin an der Klinik Innsbruck. Seit Miras Geburt arbeiten die beiden an ihrer Bewegungsentwicklung. Während der Therapieeinheit erzählt die Physiotherapeutin von ihrer Arbeit.

Warum brauchen Babys Physiotherapie?

Es gibt
unterschiedliche Gründe, warum Säuglinge und Kinder bei uns in Behandlung sind.
Manchmal entstehen Probleme rund um die Geburt, das können Blutungen während
der Schwangerschaft oder eine Frühgeburt sein. Auch das Gewicht ist ein entscheidendes
Kriterium für Physiotherapie, denn alle Kinder mit einem Geburtsgewicht unter
1,5 Kilogramm zählen zur Risikogruppe. Wird beim Kind eine Beeinträchtigung
festgestellt, kann es sich in der motorischen Entwicklung schwer tun. Gerade
diese Babys möchten wir genau beobachten und begleiten. Mira und ich arbeiten
an ihrer funktionellen Asymmetrie, die durch ihre Muskelhypotonie verstärkt
hervortritt – dafür sehen wir uns alle zwei Wochen. Bei einer Muskelhypotonie
fehlt es den Babys an Muskelstärke und -spannung. Das Baby rinnt mir dabei
sprichwörtlich durch die Finger. Bei der funktionellen Asymmetrie schaue ich
besonders darauf, ob das Kind seine Arme und Beine symmetrisch einsetzen kann
oder den Kopf auf beide Seiten gleich weit dreht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit
einer Therapie zu starten?

Das lässt sich schwer
eingrenzen. Kinder, die einen schwierigen Start haben, werden direkt von der Geburt
weg, bereits auf der Intensivstation von uns betreut. Neben den stationären Patienten
der Kinderklinik kommen aber auch viele ambulant zu uns. Grundsätzlich lassen
wir den Neugeborenen und ihren Eltern ein, zwei Wochen Zeit, um mal zuhause „anzukommen“.
Außer sie haben mit der Atmung Probleme, dann starten wir bereits früher, denn Bewegungs-
und Atemtherapie gehen Hand in Hand. Asymmetrien sind nicht immer eindeutig
erkennbar – gerade wenn es das erste Kind ist, tun sich Eltern schwer, das
richtig einzuschätzen. Auffällig wird es meist dann, wenn das Baby z. B. beim
Stillen den Kopf nicht auf die andere Seite bewegen kann oder an einer Brust
nicht trinkt. Mira ist bereits von der Station weg bei mir in Behandlung.

Wie lange dauert die Therapie?

Wir
in der Physiotherapie begleiten die Kinder meistens bis zum freien Gehen, denn
in dieser Zeit tut sich sehr viel in der Entwicklung. Wenn sich das Kind gut
entwickelt, legen wir die Therapie großmaschig an. Da reicht es, wenn wir alle
vier bis sechs Wochen eine Einheit vorsehen. Die Abschlussuntersuchung machen
wir ca. sechs Wochen nach freiem Gehen, so haben die Kinder genug Zeit die neu
erlernten Bewegungsabläufe zu festigen. Danach schaut sich ein Arzt das Kind
nochmals an und entlässt es aus der Therapie. Auch die Zuweisung erfolgt immer
über einen Arzt.

Wie läuft eine Therapieeinheit ab?

In der Therapie fördern und unterstützen wir die sensomotorische Entwicklung, damit das Kind im Alltag möglichst selbständig sein kann. Die Behandlung erfolgt im Regelfall in Zusammenarbeit mit den Eltern. Beim ersten Treffen gehe ich auf die Eltern ein – haben sie Fragen oder Bedürfnisse, sehen sie ein Problem? Mir ist es wichtig, dass sie sich wohl fühlen und mir vertrauen, denn ohne die Eltern bin ich hilflos. Ich lasse mir ihre Geschichte erzählen: Wie war die Geburt, die erste Zeit? Wie schläft das Baby? Trinkt es ausreichend?

Speziell wenn Kinder nicht in der Klinik geboren wurden, sind diese Informationen für mich eine wichtige Grundlage. Ich schaue mir auch an, wie die Eltern mit dem Kind umgehen – wie sie es halten, hinlegen oder ausziehen. Denn bei diesen Kleinigkeiten können sich, gerade wenn eine Asymmetrie vorliegt, ganz leicht unbewusst Fehler einschleichen. Und ich beobachte natürlich auch, wie sich das Baby alleine verhält. Wie liegt es da, ist es unsicher oder unzufrieden? Jedes Kind muss mit seinen speziellen Bedürfnissen, Problemen und Ressourcen gesehen werden. Auf Basis dieser vielen Puzzleteile plane ich eine passende Therapie.

Auch
die Dauer der Einheit variiert, je nachdem wie gut das Kind mitmacht. Manchmal
schläft es ein oder ist hungrig. Da muss man flexibel sein.

Nach
welchem Konzept wird gearbeitet?

Ich
arbeite nach Bobath in der Pädiatrie. Dieses Konzept basiert auf neurophysiologischen
Grundlagen, ist auf motorisches Lernen aufgebaut und bezieht das gesamte Umfeld,
also die Familie und das Setting zuhause mit ein. Bei Bobath geht es um Handgriffe,
die bestimmte Muskelgruppen ansprechen und damit die Position des Babys
stabilisieren. Ziel ist es, dass das Kind durch Unterstützung bestimmte Bewegungen
erlernt. Diese Unterstützung wird sukzessive abgebaut, bis es die Bewegung alleine
kann. Später geht es dann weniger um Griffe, sondern viel mehr um die
Umgebungsgestaltung. Das können Hindernisse am Boden sein oder verschieden hohe
Ebenen, auf die das Kind klettern soll. Das lässt sich daheim gut umsetzen.

Natürlich gibt es auch noch weitere Konzepte, nach denen in der Physiotherapie gearbeitet wird, etwa Vojta oder Therapie nach Castillo Morales. Es kommt ganz auf den Elterntyp oder auf das Kind selbst an – wir wählen das Konzept, das zur Familie passt. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen spielt in meinem Beruf eine wichtige Rolle. Unser Team besteht aus Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten und Psychologen. Manchmal braucht es einfach ein weiteres Paar Hände. Und mit Hilfe meiner Kollegen können wir unsere kleinen Patienten umfassend behandeln.

Was können Eltern zur Therapie beitragen?

In
der Therapieeinheit erarbeiten wir gemeinsam Übungen. Die Eltern probieren die
Handgriffe selbst aus, um sie zuhause gut umsetzen zu können. Sie sollen
verstehen, warum wir was machen und was wir dadurch erreichen möchten. Diese
Übungen lassen sich auch gut in den Alltag integrieren, z. B. beim Wickeln oder nach
dem Baden. Die Eltern müssen sich nicht extra eine Stunde Zeit nehmen, um mit
dem Kind zu trainieren. Aber es ist wichtig, dass sie diese Übungen immer
wieder einbauen, denn es bringt nichts, wenn ich das Kind eine Stunde pro
Wochen behandle und zuhause nichts passiert. Da stehe ich auf verlorenem
Posten. Miras Eltern sind besonders dahinter – sie hat bereits viele
Fortschritte gemacht.

Mir
ist es auch wichtig, dass Eltern die Umgebung kindgerecht und die Therapie
spielerisch gestalten. Das ist gewollt und entspricht dem Alltag von Kindern.
Sie sollen sich selbst und die Umwelt entdecken. Denn wenn sie Dinge ganz
alleine können, macht das auch was mit ihrem Selbstwert. Für mich gibt es nichts
Schöneres, als sich Zeit zu nehmen und in Ruhe sein eigenes Kind zu beobachten.
Man ist oft überrascht, was der Sprössling schon so alles kann.

Bilder: Seiwald

Kleine Handgriffe mit großer Wirkung
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