Der Ötztaler Radmarathon – wer tut sich das bitte an?

Mal ganz ehrlich. Ich überwinde meinen inneren Schweinhund auch nur dann, wenn ich von der Keks-Packung extra zwei Kekse übrig lasse – nur um dann zehn Minuten später schwach zu werden. Dafür nehme ich mir aber wöchentlich vor, zwei bis drei mal laufen  zu gehen. Das Training steigere ich dann – zumindest theoretisch – ganz langsam (zu schnell zu viel zu wollen soll ja bekanntlich nicht gut sein). Und am Ende renne ich dann die zehn Kilometer wie nichts und mit einer Leichtigkeit wie sie sich so manch anderer Hobby-Sportler (pfff – die haben einfach die falsche Einstellung) nur wünschen könnte.



Ja. So sieht das ganze theoretisch aus. In der Realität stand ich das letzte Mal vor zwei Monaten in meinen Laufschuhen. Aber wie sollte es auch anders sein? Man hat Beruf. Man hat Freundin. Man hat Familie. Und manchmal will man einfach nur faul sein, auf der Couch liegen, Kekse essen und die Zeit genießen. Ja, man – aber lange nicht alle! Es gibt ja auch einige, nein tausende die sich jährlich so etwas wie den Ötztaler Radmarathon antun. Ehrlich? Diese Menschen kann ich einfach nicht verstehen. Woher nehmen die nur den Willen dafür? Es ist ja nicht so, dass man sich einfach so fragt: „Was soll ich denn an diesem Wochenende machen? Ach, ich fahre mal schnell den Ötztaler.“ Immerhin radelt man da 238 Kilometer weit und überwindet auf der Rundfahrt von Sölden über das Küthai, den Brenner, den Jaufenpass zurück nach Sölden – insgesamt 5.500 Höhenmeter. Eine wahre TorTOUR zwischen Nord- und Südtirol also. Und das egal ob bei Regen oder Schnee. (auf die vielen die sich über- und die Umstände unterschätzen möchte ich jetzt gar nicht eingehen)

Zu diesem Sport-Wahnsinn gehört aber auch hartes Training, optimales Material und viel, viel Zeit. Doch woher diese nehmen? Haben denn die ganzen Teilnehmer keine Familie? Oder nervt der Partner zu hause so sehr, dass man dankbar in die Pedale tritt? Oder fahren die alle etwa für das Team „AMS“? Weil bei einem normalen Job kann man doch nebenher nicht tausende Kilometer am Rad sitzen und sich vorbereiten, trainieren, trainieren? Nebenbei braucht man auch noch ein „gscheides“ Material. Vor kurzem wurde mir erzählt, dass es sogar eigene Kompressionshosen geben soll mit denen man den Radmarathon circa 20 Minuten schneller absolvieren kann. Ist sicher auch nicht billig.

Das ist doch alles nicht normal und hat in meinen Augen mit „Hobby-Sport“ nicht mehr wirklich viel zu tun. Da bleibe ich doch lieber auf der Couch sitzen, plane meine nächsten Laufeinheiten und über mich weiterhin im Verzicht – oder zumindest darin, nicht alle Kekse auf einmal aufzuessen.

Der Ötztaler Radmarathon – wer tut sich das bitte an?
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Von in Gschichten.com