Mountainbiken in Tirol: Alle schwärmen davon. Ich nicht!

Nur noch ein paar Meter. Ich kann das Ende schon sehen. Das lang ersehnte Ende. Da ist kein Licht, am Ende des Tunnels. Nur das Wissen, dass ich es gleich geschafft habe. Mir rinnen die Schweißperlen über die Stirn. Der innere Schweinehund ist in meine Lunge gewandert. Er drückt sich mit aller Kraft gegen die Innenseite meiner Lungenflügel. Er will sie zerreißen. Er will, dass ich aufgebe. Dass es endlich vorbei ist. Doch es sind nur noch ein paar Meter bis zum Ende. Nicht mehr lange bis zu meinem ganz persönlichen Erfolg. Gleich habe ich den Serotonin-Gipfel erreicht.



Ich bin in der letzte Kurve. Ich fahre sie extra weit aus – Kraft sparen lautet die Devise. Das Atmen fällt mir zusehends schwerer. Die Oberschenkel gleichen Zement-Klumpen. Träge. Wie Zement-Klumpen eben so sind. Ohne Leben. Ohne Kraft. Das Seitenstechen hat mein Hirn schon ausgeblendet. Viel zu lange begleitet es mich schon. Nur noch wenige Meter. Der Straßenrand kommt immer näher. Schwindel kommt auf. Mein Blick wird fokussierter. Ja, ich bin am richtigen Weg. Ich bin fokussiert. Ich schaffe das. Weil ich mir das Ziel selbst gesetzt habe. Nur noch wenige Meter. Gleich bin ich da.

Die Sonne brennt mir auf die rechte Seite. Mein Sitz-Apparat gleicht der angesau(g)ten Windel eines Kleinkindes. Alles feucht. Der Schweiß rinnt in reißenden Bächen und sammelt sich irgendwo zwischen Steißbein und Fahrradsattel. Ein warmer Stausee bildet sich. Doch ich gebe nicht auf. Das Jucken, das unerträgliche Beißen, überall, ja das ist der Lohn für meine harte Arbeit. Deshalb bin ich in den Sattel gestiegen. Mit jedem Tropfen verabschieden sich meine Sünden. Ja. Das fühlt sich gut an. Ich tue etwas für meinen Körper. Und für meinen Geist. Ich beweise es mir selbst. Ich erreiche meine Ziele. Ich bin nämlich kein Taugenichts der jeden Samstag nur auf der Couch lümmelt und morgen mit dem Sport beginnt. Nein. Ich bin aktiv. Ich tue mir etwas Gutes.

Das Gute erinnert mich stark an meine Lungenentzündung im letzen Winter. Schweißausbrüche. Schwindel. Übelkeit. Taubheitsgefühl im gesamten Oberkörper. Die Umgebung verschwimmt. All das Grün um mich, nur mehr ein verwaschenes Etwas. Expressionistisch angehaucht. Ich kann nicht mehr. Nein. Ich schaffe es nicht mehr. Mein Vorderrad fährt Schlangenlinien, wie nach einer durchzechten Nacht. Ich schrecke auf. Habe mich zu sehr auf mein Vorderrad konzentriert. Der Bordstein hat mich wieder wachgerüttelt. Danke. Mit letzter Kraft stoße ich meine Beine noch einmal in die Pedale. Mein ganzes Gewicht braucht ich dazu. Nicht mehr lange. Nur noch wenige Meter. Ich steige aus dem Sattel. Eisiger Wind überkommt mein fetznasses Sitz-Organ. Angenehm. Nur noch wenige – ich kann sie sehen – nur mehr – gleich – geschafft!

In mir ist etwas gestorben. Es riecht nach Schweiß. Keine Auferstehung. Keine Glücksgefühle. Wo sind nur die verdammten Glücksgefühle von denen mir alle erzählt haben. Ich spüre alles. Jeden Knochen. Jeden Muskel. Sogar jeden Knorpel. Nur die (verdammten) Glücksgefühle scheinen ferner, als die Sonne die mir noch immer aufs Hirn brennt. Meine Atmung normalisiert sich nur langsam. Mein Hintern bleibt taub. Kalter, eingetrockneter Schweiß ist mein Lohn. Ich schaue in die Natur. Sehe den Wald vor lauter Schwindel nicht. Ich denke nach und frage mich: Wieso tun sich Menschen so etwas freiwillig nur an?

Erklärung/Fazit: Auf meinen letzten Kommentar hin, haben sich viele Leute bei mir gemeldet. Einige Couch-Liebhaber haben mir zugestimmt, der Großteil hat mir den Vogel gezeigt und einer hat meinen Text als „Keksfresser-Kommentar“ bezeichnet. Weil ich verstehen wollte, habe ich mich auf mein Mountainbike (habe es nur geliehen, doch wir sind auf dieser Fahrt eng zusammengewachsen – körperlich und geistig) gesetzt und bin eine gewagte Tour vom botanischen Garten in Innsbruck aus, auf’s Höttinger Bild (für normal sportliche Menschen circa 30 Minuten entfernt) geradelt. Ich wollte verstehen wie es sich Menschen antun können, sich freiwillig Tag für Tag am Rad zu quälen. Mountainbiken in Tirol – so heißt es ja immer, sei Freiheit pur und Glücksgefühl zu gleich. Auch wenn ich (noch) weder Freiheit noch Glück empfunden habe – mein größter Respekt gilt all diesen Menschen, denn sie machen etwas, das ich nicht einmal im Ansatz verstehen kann. Und nach wie vor bleibt  ein Rennen wie der Ötztaler (dort fährt man mit dem Rennrad) für mich ein Mysterium. In weiter, weiter Ferne. Für mich unerreichbar, sogar mit den besten Dopingmitteln und allem Willen dieser Welt.

Anmerkung: Das Titelfoto ist nur ein Symbol-Bild. Bei meiner Rad-TorTOUR war ich leider nicht mehr dazu fähig Bilder zu machen. Das Foto kommt allerdings meiner Wahrnehmung der Farben sehr nahe.

Mountainbiken in Tirol: Alle schwärmen davon. Ich nicht!
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Von in Gschichten.com