Die Burg Laudegg in Ladis: Alt aber oho!

Jetzt ist es raus: Ich mag alte, kaputte Dinge, die nicht mehr so aussehen wie früher und in ihrer Funktion äußerst eingeschränkt sind. Alte Spielsachen, die nicht mehr richtig funktionieren zum Beispiel: Großartig. Nicht weil ich sie reparieren könnte, sondern vielmehr weil sie etwas Anmutiges haben, wenn sie ihre ursprüngliche Funktion nicht mehr erfüllen und der gedachten Intention nicht mehr nachkommen können. Auch alte Burgen mag ich – aus ähnlichen Gründen. Warum das so ist? Ich habe so eine Ahnung.

In der klassischen Ästhetik gibt es immer die Tendenz zur Vollkommenheit. Schönheit zeigt sich in der Fülle und in der Perfektion. Schön ist etwas erst, wenn es in Form und Inhalt gelungen und zur vollen Blüte gelangt ist. Einfach gesagt: Es geht ums „Sein“ und darum, zum Sein gelangt zu sein. Es geht um Entfaltung, nicht ums Werden. Im Zen-Buddhismus hingegen liegt der Fokus mehr auf dem Werden, auf dem Prozess. In vielen alten asiatischen Bildern gibt es eine Ästhetik der Leere und der Abwesenheit, die das betonen.

In der europäischen Malerei, zumal in der Zeit der Renaissance oder des Barock hingegen findet man in Europa und im Westen generell sehr „volle“ Bilder: Die Motive sind ausformuliert, die Bilder und Darstellung realistisch, manchmal fast schon fotorealistisch. Daraus lässt sich eine Ästhetik der Vollkommenheit ableiten. Nur was vollkommen realisiert ist und vollkommen ausformuliert ist, wird als schön wahrgenommen. So zumindest ein impliziter Konsens, den vermutlich viele Menschen (reflektiert oder unreflektiert) teilen werden.

So, damit jetzt mal erst einmal genug mit dem „Crash-Kurs“ in Sachen Schönheit und Ästhetik. Ihr werdet euch eh schon fragen, was ich euch damit sagen will. Und warum es diesen Exkurs braucht, wenn es doch „nur“ um die Burg Laudegg in Ladis gehen soll. Es ist eigentlich einfach. Denn nur wenn ihr die allgemeinen ästhetischen Positionen und Tendenzen ein wenig kennt, werdet ihr mich verstehen können und wissen, warum ich mich für eine Ästhetik des Unvollständigen, des Fragmentes und des Vergangenen und Kaputten stark mache. Und warum ich Burgen mag.

Die Burg Laudegg: Einfach wunderschön, weil sie ist was sie ist…

Es ist eigentlich ganz einfach: Eine Burg, die ja meist ihre besten Zeiten schon hinter sich hat, geht einher mit meinem Verständnis von Schönheit und Kunst. Einfach schon mal deshalb, weil die Vollkommenheit und die Blütezeit einer solchen Burg schon lange vorbei ist und sie jetzt da steht. Ein wenig wie ein Fremdkörper. Zwar schön anzuschauen aber letztlich nutzlos oder zumindest nicht mehr zu dem Nütze, zu dem sie früher einmal da war. Meine Faszination beruht darauf, dass die Burg im „Vergehen“ ist, dem Verfall preisgegeben ist und sie genau deshalb nicht mehr zur ästhetischen Vollkommenheit gelangen kann.

Genau deshalb finde ich sie wunderschön. Allein schon wie sie da liegt, am Fuße der Samnaungruppe auf einem senkrechten Schieferfelsen, so hoch über dem Oberinntal. Die wahre Schönheit geht für mich aber von dieser Burgruine aus. Sie ist, was sie ist. Und nicht mehr das, was sie einmal war. Wunderbar.

Und das Beste an der Sache: Die Burg kann jetzt seit 18.06. (übrigens mein Geburtstag – das kann doch kein Zufall sein!) bis zum 24.09. wieder besichtigt werden. Bei diesen Burgführungen könnt ihr euch Gedanken über meine Ausführungen machen und euch überlegen, ob da wirklich was dran ist und ob ihr diese Haltungen teilt. Und natürlich dürft ihr auch sagen, dass das gar nicht eurem Ideal von Schönheit entspricht. Selbstverständlich könnt ihr all das aber auch vergessen und stattdessen einfach genießen was ihr seht (und die Burg Laudegg ist außen und innen wirklich ein Prachtstück!), – ganz ohne theoretischen Überbau.

Die Burg Laudegg in Ladis: Alt aber oho!
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Von in Puint