Bohème wider Willen – Teil 2

Titelbild Boheme 2

Das Ereignis traf Peter wie ein Blitz. Mitten in seine Existenz. Über vierzig Jahre lang, das wusste er, wahrscheinlich aber noch viel länger, waren den Menschen ein trockener Kopf und warme Hände wichtig gewesen. Vor allem in der Zeit als Peter noch ein kleiner Junge war, sein Vater unauffindbar irgendwo im Osten und er gemeinsam mit der Mutter und all den anderen Frauen und Kindern dabei half, die Altstadt wieder aufzubauen – waren dies sehnliche Wünsche gewesen. Essen. Trinken. Und etwas Warmes. Trockenes. Damals wuchs in Peter eine Leidenschaft, die er später zum Beruf machte und lange Jahre ausübte.



Das Ereignis

Doch als das Ereignis eintrat, war daran nicht mehr zu denken. Die Menschen hatten sich verändert. Grundlegend verändert. Während in Peter noch immer dieselbe Leidenschaft brannte, war sie bei den anderen schon längst erloschen. Auch wenn er, genau wie früher, täglich von halb sieben in der Früh, bis spät abends in der Werkstatt stand, so tat er dies immer häufiger alleine. Kaum jemand verirrte sich mehr in die kleine Gasse der Altstadt, die früher als Handwerker-Eck bekannt gewesen war.

So kam es. Am Tag des Ereignisses trat Peter durch die enge Türe seiner Werkstatt ins Freie. Er schloss die Augen, sog die feuchte, kalte Luft bis in den letzten Winkel seiner Lunge und wusste, dass er soeben den letzten Schritt, den letzten Atemzug getan hatte. Als er die Augen wieder öffnete und der Schleier der Gewissheit langsam trocknete, blickte ein anderer aus ihnen hervor. Peter Radzinski. Der Schirm- und Handschuhmacher war nicht mehr. Ein letztes Mal drehte er sich um, packte den vertrauten Knauf, zog die Türe mit einem energischen Ruck zu und schloss sie.

Heute steht Peter wieder in der Gasse. Der Weihnachtsmarkt tagt. Schupfnudeln baden in der Eisenpfanne und werden mit Zimt, Zucker, Rahm und Käse übergossen. Kiachln und Kraut, Apfelpunsch und gierige Münder finden zusammen. Man friert. Er zieht den Kragen seines dunklen Mantels weiter nach oben. Der Schal, mit den sich langsam auflösenden Enden, rutscht mit und verbirgt Peters Gesicht nun bis knapp unter die Nase. Er will nicht auffallen. Er will nicht mehr dazugehören.

Die eisige Hauswand

Der Anblick der vollen Bäuche und glänzenden Augen schmerzt ihn zu sehr. So sehr, dass der Husten wieder stärker, der Stich im linken Lungenflügel unerträglich wird. Er greift mit seiner Hand, stützend, an die eisige Hauswand. Immer weniger Luft erreicht ihr Ziel, immer pochender wird das Stechen in der Brust. Ein leises Röcheln. Ein hilfesuchender Blick, im Schatten der besinnlich blinkenden Weihnachtsbeleuchtung. Doch er geht ins Leere. Peter kippt nach vorne. Er kann nicht anders.

Bohème wider Willen – Teil 2
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