Liebe Esoterik-Fans, Leichtgläubige und Sinnsucher: Die Zirbe lügt!

Liebe Esoterik-Fans, Leichtgläubige und Sinnsucher: Die Zirbe lügt!
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Wie oft haben wir es gehört: Die Zirbe beruhige, man erspare sich Herzschläge und schlafe ganz einfach besser. Wer das glaubt, der ist auch der Meinung, dass wir jeden Tag fernöstliche Weisheiten auf Facebook posten sollten, damit unser Leben harmonischer wird. Der glaubt auch, dass wir der Homöopathie den Vorzug gegenüber der Schulmedizin geben sollten. Sprich: Der ist ein leichtgläubiger Esoteriker mit Hang zur dezenten Idiotie.

Tatsächlich gibt es sogar Unternehmen, auch in Tirol (!!), die auf diesen Irrsinns-Zug aufgesprungen sind. Gar eine ganze Philosophie wird mancherorts daraus gesponnen. Alleinige Basis dieses Wahnsinns ist eine „Studie“, die diesen Namen nicht wirklich verdient hat. In dieser wird unter anderem erwähnt, dass die durchschnittliche Ersparnis der Herzschläge im Zirbenholzbett bei 3500 Herzschlägen pro Tag läge.

An sich ja kein unschöner Baum. Aber Vorsicht: Die Zirbe lügt! (Bild: (c) Hall-Wattens)

An sich ja kein unschöner Baum. Aber Vorsicht: Die Zirbe lügt! (Bild: (c) Hall-Wattens)

Sagen wir es so: Um tatsächliche Wissenschaftlichkeit zu gewährleisten, hätte man mehr Leute „testen“ müssen. So wird exakt gar nichts bewiesen. So kann es sich auch um Zufälle handeln. Wissenschaft ist das keine. Das Ganze ist in etwa so wissenschaftlich wie Paulo Coelho ein guter Schriftsteller ist. Nämlich ganz und gar nicht.

Noch etwas fällt bei dieser „Studie“ auf. Offizieller und interregionaler Projektpartner ist der Tiroler Waldbesitzerverband. Auch diverse Forstbetriebe und gar Tischler sind an dieser beteiligt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Auch „Pro:Holz“, eine Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Holzwirtschaft, lobt die Zirbe in den allerhöchsten Tönen und wiederholt die weitestgehend unbewiesene Behauptung mit den 3500 Herzschlägen, die man sich, Zirbe sei Dank, erspare. Aha.

Die Zirbe lügt – aber wir wollen uns belügen lassen

Es ist kein Zufall, dass gerade „postfaktisch“ als internationales Wort des Jahres gekürt wurde. Es beschreibt wie kein anderer Begriff den derzeitigen Zustand einer Gesellschaft, die auf dem besten Weg ist von der Wissensgesellschaft zu einer Unwissensgesellschaft zu werden. Wir lassen uns immer weniger von Fakten und Wissenschaftlichkeit beeindrucken, sondern immer mehr von Halbwahrheiten, Vermutungen und Pseudo-Philosophien.

Anders formuliert: Wir glauben das, was wir eben glauben wollen. Lemminghaft werden Halbwahrheiten so lange als wahr bezeichnet, bis sie eine breite Masse als wahr annimmt. So verhielt es sich auch mit der Zirbe. Eine einzige zweifelhafte Studie diente dazu einen ganzen pseudo-wissenschaftlichen und esoterischen Diskurs darüber zu führen, dass uns die Zirbe dabei helfe, besser zu schlafen und ganz grundsätzlich ausgeglichener zu sein.

Ein Wahnsinn. Gar harmlose Kuscheltiere werden mittlerweile mit Zirbenspänen gefüllt! (Bild: (c) 4betterdays.com)

Ein Wahnsinn. Gar harmlose Kuscheltiere werden mittlerweile mit Zirbenspänen gefüllt! (Bild: (c) 4betterdays.com)

Vor allem eines ist im Falle der Zirbe augenscheinlich: Seit „Studien“ zu ihrer Wirkung existieren und diese somit mit dem Etikett „wissenschaftlich erwiesen“ legitimiert wurde, boomt der Zirbenholz-Markt wie nie zuvor. Selbst in Südtirol hat dieser Unsinn bereits Fuß gefasst. Leute kaufen Zirbenholz-Betten zu horrenden Preisen. Geben Zirbenholzkugeln auf Wasser-Karaffen. Verpesten ganze Räume mit Zirbenholzduft. Menschen legen ihre Köpfen auf Zirbenkissen. Schenken gar ihren Kindern Teddybären mit Zirbenholzspäne-Füllung. Wo sind die Zeiten des guten, alten Teddybären hin? Teddybären, die noch herrlichen nach echten Teddybären dufteten und nicht nach Zirbe? Wohin ist die Zeit insgesamt als noch nicht alles von der Zirbe dominiert war?

Ich  vermute eines. Vermutlich wissen wir, dass wir belogen werden. Aber das macht uns nichts aus. Wir wollen belogen werden, damit wir uns besser fühlen. Damit wir an irgendetwas glauben können. Auch wenn es noch so abstrus ist.

Es gibt Unternehmen, die auf den Zirben-Trend aufgesprungen sind.

Es gibt Unternehmen, die auf den Zirben-Trend aufgesprungen sind.

Ich habe also eine klare Einstellung. Diese fanatischen Zirbenholz-Apologeten und –Konsumenten sind die gleichen Leute, die unzählige Weisheits-Sprüche auf ihrer Facebook-Pinnwand teilen und tatsächlich daran glauben, dass der Tag dann besser beginnt und man glücklicher wird. Es sind die Leute, die literweise Bachblüten-Tropfen schlucken und diese zum Allheilmittel für eh alles verklären. Es sind die Leute, die in Online-Kanälen lautstark Halbwahrheiten und Unsinn verkünden und dabei niemals die Richtigkeit der eigenen Position in Zweifel ziehen.

Liebe Esoterik-Fans, Leichtgläubige, Sinnsucher und sonstigen debilen Spinner: Nicht die Zirbe ist das Problem! Das ist ja tatsächlich ein schönes Holz. Und ganz so schlecht riechen tut es ja auch nicht. Und womöglich hilft sie gar jemandem, der daran glaubt. Aber: Lasst mich mit eurer esoterischen Sinnsuche in Ruhe. Werdet kritischer und beginnt selbst zu denken. Es täte uns und der gegenwärtigen Gesellschaft mehr als nur gut.